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Alte Kartoffelsorten

Alte Kartoffelsorten sind ein lange vernachlässigter Markt, für den es aber eine wachsende Liebhaberschaft gibt", urteilt Karsten Ellenberg. Seit mehreren Jahren hat sich der Bioland-Betriebsleiter aus Barum neben 15 ha Speisekartoffeln auf den Anbau von seltenen Kartoffelsorten wie "Berlichingen", "Jubel", "Reichskanzler", "Piroschka", "Ostbote" oder die blaufleischige "Blue Salad Potatoe" spezialisiert. Auf etwa 10 Hektar baut er 180 Sorten an. Jedes Jahr nimmt er 20 neue" alte Sorten dazu, dafür fliegen 20 Sorten, die sich nicht bewährt haben, wieder raus. Was vor mehreren Jahrzehnten gängige regionale Kartoffelsorten waren, sind heute teilweise heissbegehrte Exoten. Ellenbergs Lieblingssorte sind die legendären "Bamberger Hörnchen". Diese Sorte ist eine späte, festkochende Sorte von 1870. Der Geschmack wird als fein und würzig umschrieben.

Fälschlicherweise erscheint das "Bamberger Hörnchen" gelegentlich auf Speisenkarten von Spitzenrestaurants. Dabei handelt es sich aber in der Regel um die ähnlich aussehende (und nicht ganz so geschmacksstarke) französische Sorte "La Ratte". Auf einigen niedersächsischen Betrieben wird sie bereits seit einigen Jahren angebaut. In Dänemark wurde diese Sorte offiziell in "Asparges" umgetauft und fast jeder zweite Supermarkt verkauft sie dort zum doppelten Preis, wie herkömmliche Kartoffeln. "La Ratte" ist verhältnismäßig empfindlich gegenüber Phytophtora als auch Virusbefall.

Ellenberg wollte gerne das "Bamberger Hörnchen". Es gab nur einzelne Hobbyzüchter, die diese Sorte in Süddeutschland noch anbauten, jedoch waren die Möglichkeiten, damit weiterzuzüchten, durch Virusbefall quasi unmöglich. Er wandte sich deshalb an die Genbank Groß Lüsewitz in Mecklenburg-Vorpommern. Dort werden seit Jahrzehnten über 2000 Sorten im Feldanbau und im Labor in Meristemkultur archiviert. Als kleine Pflänzchen werden sie in kühlen Räumen aufbewahrt und befinden sich dabei in Gläsern mit einem Nährmedium. Auf diese Weise bleiben Pflänzchen alter Sorten über viele Jahre am Leben erhalten.

Nach einigen Bemühungen und dem geduldigen Ausharren auf einer Warteliste erhielt Karsten Ellenberg als Erhaltungszüchter schließlich die Kleinstmenge von drei Pflänzchen. Ein Zuchtspezialist hat im Auftrag von Ellenberg das "Bamberger Hörnchen" in seiner Genbank aufgenommen und vervielfältigte die Sorte im Labor über die sogenannte "Schnelle Vermehrung" auf über 1000 kleine Pflanzen. Somit ist Karsten Ellenberg der Erhaltungszüchter des "Bamberger Hörnchens".

Die Pflänzchen bekam der Barumer Landwirt jeweils in Glastöpfchen mit einer Nährflüssigkeit geliefert. Im nächsten Schritt wurden sie in Handarbeit in Blumentöpfe umgetopft und in einem Gewächshaus aufgezogen. Er war von dem enormen Wachstum des "Bamberger Hörnchens" überrascht, einige Blumentöpfe gingen sogar kaputt. Im darauffolgenden Frühjahr wurden die wertvollen Knollen von Hand ins Feld gelegt und vorsichtig von Hand zugehäufelt.

Danach wurden die "Bamberger Hörnchen" wie die anderen Kartoffeln gepflegt. Die Sorte ist sehr spät reifend, hat daher eine gute Phytophtoraverträglichkeit und ist gut lagerfähig. Durch die Hörnchenform ist die Rodung und Sortierung allerdings aufwendig und hat häufig höhere Verluste, als andere Sorten.

Durchschnittlich läßt sich die Erntemenge jedes Jahr verzehnfachen. Noch benötigt er viele, um seinen Bestand weiter aufzubauen. Der Vertrieb erfolgt hauptsächlich über den Manufactum-Versandhandel aber auch direkt. Auf der eigenen Homepage www.Kartoffelvielfalt.de gibt es neben schönen Fotos auch einen Internet-Shop mit den verfügbaren Sorten.

Diese Kartoffeln dürfen jedoch nicht als Pflanzgut gehandelt werden. Das Saatgutverkehrsgesetz bestimmt, dass nur der Sortenschutzinhaber Pflanzgut in Verkehr bringen darf. Auf der Sortenliste sind fast nur neu gezüchtete Sorten zugelassen. Die Hauptaufgabe des Gesetzes ist es, den Züchtern ein Lizenzrecht für ihre Sorten zu sichern. Das Gesetz schützt vor allen "chemietaugliche Neuerungen", nicht aber den Erhalt alter Sorten. Deshalb werden die alten Sorten als Speiseware verkauft. In Mischpaketen mit sieben verschiedenen Sorten werden sie über den Manufactum-Versandhandel vertrieben. Nachdem das Landesamt für Ernährungswissenschaft und Jagd in Nordrhein-Westfalen befand: "Speiseware darf nur sortenrein verpackt sowie mit Handelklasse, Gewicht und Kocheigenschaften ausgezeichnet vertrieben werden", werden sie im Manufactum-Katalog als "Sammlung alter Kartoffelsorten - nur für die Vitrine" angeboten. Dabei erfährt der geneigte Katalogleser: "Zur Aussaat und Vermehrung bieten wir Ihnen diese seltenen Knollen nicht an (denn dann wären sie Pflanzgut, was sie aber nicht sein dürfen), zur Verspeisung bieten wir sie Ihnen auch nicht an (denn dann wären sie Lebensmittel) ... Lassen Sie sie daher weder in einen Kochtopf noch in ein gut vorbereitetes Kartoffelbeet fallen - letzteres vor allem dann nicht, wenn Sie sie einige Wochen vor dem Legen zwischen den Augen geteilt haben sollten, denn dann wachsen noch viel mehr daraus, und das darf nicht geschehen."

Gerade der Aspekt, private Kartoffelvermehrung alter Sorten am Rande der Legalität zu betreiben, steigerte das Interesse für dieses Thema ungemein. Karsten Ellenberg berichtete von Kunden, die am Telefon weinten, weil sie eine bestimmte Sorte nicht erhalten konnten. Die Knollen werden stück- oder kiloweise abgegeben. In den Preisen müssen auch die Entwicklungs- und Verwaltungskosten mitgetragen werden.

Karsten Ellenberg ist begeistert von der Vielfalt gegenüber den heute üblichen Sorten. Er glaubt, man müsse auch in der Wortwahl bei der Beschreibung der Sorten zusätzliche Definitionen finden z. B. erdig, herb, cremig oder würzig. Diese würden den Kartoffelverkauf noch interessanter machen.

Gleichzeitig möchte er aber auch durch Kombinationskreuzung und Aufbaukreuzung selbst neue Sorten züchten. Ein großes Ziel ist es, eine Sorte für den ökologischen Landbau neu zu entwickeln, deshalb hat er sich auch als Züchter beim Bundessortenamt eintagen lassen. Eine andere Idee ist die Zucht einer besonders schönen und langblühenden Zweinutzungskartoffel. Für Ellenberg ist das Arbeiten mit alten Sorten eine Möglichkeit, kreativ zu sein. Die züchterischen Herausforderungen machen ihm Spaß.

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s. auch

diesen Bericht über Vermarktungschancen der "Kartoffeln in Farbenrausch"

oder die Sortenvielfalt der Kartoffel bei Fernsehsendern.


 
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